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Kapverden - Sal Januar 2015

Ein Bericht von Dr. Marga Keyl, Tierärztin

Zumindest tat ich so, als ich am 20.01.2015 morgens um 6:00 Uhr das Flugzeug nach Sal bestieg. Den Großteil des Gepäcks hatte ich schon am Vorabend aufgegeben, damit wir im Falle eventueller Beanstandungen nicht zu viel Zeit verlieren würden. So trugen meine Assistentin Sabrina Klüßendorf - bereits Sal-erfahren und lange schon beim Tierärztepool dabei, ohne sie wäre meine Nervosität noch wesentlich größer gewesen - und ich an diesem kalten Januarmorgen "nur noch" zwei große Koffer, zwei große Handgepäckstrolleys und vier Hundeboxen, die auf Sal dringend gebraucht wurden, zum Schalter. Dank der Anmeldung durch Herrn Hundt bei der TUI war das mit dem Übergepäck eine "große" Kleinigkeit.

Wir versuchten alles an Diagnostik und Behandlung, was uns zur Verfügung stand, jedoch ging es ihr immer schlechter. Bis zum letzten Tag haben wir gekämpft, aber Waffles zeigte keine Besserung. So begann der letzte Tag der Kastrationsaktion mit einer Euthanasie, die uns allen sehr zu Herzen ging. Andernfalls hätte sie sich zu Tode gehungert.

Nach fast sieben Stunden Flugzeit kamen wir endlich an. Schon vom Flugzeug waren die wunderschönen Strände und das türkise Meer zu sehen, die im krassen Gegensatz zu dem schneebedeckten Flughafen in Hamburg stand. Meine Nervosität wich so langsam der Neugier, bis zu dem Moment, an dem wir mit all den Kartons vom Zoll gestoppt wurden. Da Feiertag war, wollte die nette Dame das gesamte Equipment bis zum nächsten Tag einschließen und dann ihren Chef fragen, was damit geschehen solle. Na das fing ja gut an, dabei hatten wir doch einen ganzen Ordner voller Papiere und einen Brief vom Bürgermeister, der erklärte, dass wir alles nach Sal einführen dürfen. Nach einigem Hin und Her trug das Militär zur Aufklärung bei und wir durften passieren. Auch an dieser Stelle herzlichen Dank an Herrn Hundt und den Offizier des Militärs von Sal, Helder Lopez, für die tolle Vorbereitung und Hilfe.

Nachdem wir Vicky, Hanna und die anderen Helfern begrüßt hatten, machten wir uns direkt auf zur Klinik in Espargos, um dort das vom letzten Einsatz übrig gebliebene Equipment durchzuschauen und um alles für den nächsten Tag vorzubereiten. Für Hanna von der Tierschutzorganisation "Save Cats and Dogs of Cape Verde" war es bei dieser 9. Kastrationsaktion nicht einfach, überhaupt einen Raum zu finden. Das Amphitheater in dem sonst immer kastriert wurde, war angeblich belegt. Zum Glück stellte eine kapverdische Familie ihre Garage zur Verfügung, in der wir die ersten acht Tage unsere Klinik aufbauen durften. Ich habe beim Tierärztepool meine Ausbildung gemacht, was heißt, dass ich nicht nur mit den eigentlichen Operationen bestens vertraut bin, sondern dass ich mich und meine Arbeit wie ein Chamäleon meiner Umgebung anpassen kann... Und schon wird aus einer Garage ein OP. Tageslicht wird eh überbewertet.

Als wir am nächsten Morgen in der Klinik eintrafen, erwartete mich, was ich sonst nur von Bildern und Erzählungen her kannte. Live und in Farbe: eine gigantische Schlange von Einheimischen mit ihren Hunden saß bereits vor "meiner" Garage und wartete geduldig auf das, was wir zu bieten hatten. Geduld und Zeit scheinen hier anders definiert zu werden, als in meiner Heimat. In den folgenden Tagen merkte ich, dass die Menschen teilweise wirklich von morgens bis abends warteten, bis ihr Tier an der Reihe war.

Neben den Straßenhunden spielen auch die Privathunde eine große Rolle in der Vermehrung der Population, da die meisten Privathunde frei auf der Straße herumlaufen. Leider sind viele der Menschen immer noch der Meinung, dass es den Hündinnen gut tut, mindestens einmal Welpen zu bekommen, was aus medizinischer Sicht übrigens totaler Blödsinn ist. Wenn die Welpen jedoch größer werden und nicht mehr so süß sind, werden sie einfach auf die Straße gesetzt. Bei vielen Hundebesitzern mussten wir all unsere Überredungskunst (und Bestechung z.B. mit Halsbändern) anwenden, um sie zu überzeugen, ihre Hunde kastrieren zu lassen, aber der Großteil der Bevölkerung hat die Aktion sehr gut angenommen. Vor unserer Tür hatte das Militär ein großes Zelt aufgebaut, in dem die Hunde und ihre Besitzer warten konnten, bis sie an der Reihe waren. Diese Hilfe zeigt uns, dass wir auf Sal von Seiten der Bürokratie willkommen sind! Hier fanden auch die Behandlungen der Tiere gegen Würmer, Zecken und Flöhe statt. Jedem, der sein Tier bei einer der vorangegangenen Aktionen hat kastrieren lassen, steht dieser "Service" kostenlos zur Verfügung, was tatsächlich auch genutzt wurde. Und wie!!!

Sabrina und ich fanden unseren Rhythmus und meine anfängliche Nervosität verschwand von Stunde zu Stunde. Ich dachte oft an Ines und die Trainingseinheiten, den Stromausfall (vor Abreise habe ich sichergestellt, dass meine Kopflampe funktioniert), die dicken, großen, schwangeren Hündinnen, die am Ende meiner Ausbildung immer nur ich kastrieren musste. Jetzt und hier zahlte sich jede noch so anstrengende Minute aus, und selbst die ca. 50kg schwere Rottweilerhündin, die wir mit drei Leuten auf den OP-Tisch heben mussten, konnte mir keine Angst mehr einjagen. Ich war sicher und verschmolz mit meiner Arbeit. Genauso, wie ich es in unzähligen Berichten des Tierärztepools immer gelesen hatte. Jetzt war ich selber ein Teil davon und sehr stolz darauf.

Aber (auch das hatte ich gelernt) es läuft nicht immer alles so rund, wie Frau es sich wünscht. Einem von Räude geplagten Hund mussten wir ein Auge entfernen. Da war nichts mehr zu retten. Wir tauften ihn auf den Namen "Pirata" und behielten ihn eine Woche bei uns in Pflege, um den dünnen Kerl aufzupäppeln. Schon Tage nach der ersten Injektion gegen die Räude sah man, wie sich sein Fell zum Besseren veränderte. Auch die Entwurmung hatte er bitter nötig - aber darauf möchte ich jetzt hier nicht näher eingehen - schon gar nicht mit Fotos... Am Ende der Woche brachte Christina, die extra zum Helfen nach Sal geflogen war, Pirata wieder zurück in die Freiheit und fuhr noch einige Male hin, um ihm Futter zu geben und uns zu berichten, dass er schon viel, viel besser aussah. Wer die Verbesserung der Lebensqualität, die Gewichtszunahme, das Sprießen des Haarkleides, überhaupt das ganze positive Verhalten der Tiere mit eigenen Augen erlebt, für den wird die abstrakte Zahl von tausenden sogenannter "anderer Operationen" die wir beim Tierärztepool akribisch aufschreiben, sehr nah und schön.

Der kleine "Lucky Pooh" wurde ebenfalls von Christina gefunden, er war in einem erbärmlichen Zustand. Abgemagert und die Haut aufgekratzt durch die Räudemilben, beschlossen wir, ihn ebenfalls zu behalten und aufzupäppeln. Er ist nach Ende der Kastrationsaktion zu Barbara gekommen, sie lebt zeitweilig aus Sal und wird ihn weiter pflegen bis er ausreisen darf und wir ein schönes Zuhause für ihn gefunden haben. Ein Stab von Helfern ersetzt eine Krankenstation...

Nach einer guten Woche zogen wir mit der Klinik um nach Santa Maria. Man muss wissen, dass es auf Sal eigentlich nur drei größere Ortschaften gibt. In Santa Maria hat der Tierärztepool mit seiner Arbeit begonnen und sich in Richtung Espargos ausgeweitet. Somit sind hier, im Süden der Insel die meisten Tiere kastriert. Es wundert uns deshalb nicht, dass die Hunde wesentlich besser genährt sind, auch deshalb, weil sich viele Touristen hier aufhalten sind viele Europäer in Santa Maria leben, die die Hunde füttern. Trotzdem tauchen, wie aus dem Nichts, immer wieder Welpen auf. Aber es ist ja logisch, dass wir nicht restlos alle Tiere kastrieren können und eine unkastrierte Hündin leicht mal 10 oder sogar 15 neue Welpen zur Welt bringen kann. Und die Überlebenschancen dieser Zwerge stehen gut, denn das Nahrungsangebot ist - aufgrund der durch Kastrationen während der letzten acht Einsätze reduzierten Anzahl von Tieren - günstig.

Hanna hatte zum Schluss zwei Mütter und 13 (zu den Müttern gehörige und auf der Straße gefundene) Welpen in ihrem Appartement. Warum? Würde man diese kleinen Familien zurück auf die Straße bringen, kann es vorkommen, dass die Welpen von den Kindern mitgenommen werden, um mit ihnen zu spielen. Aber die Zwerge sind viel zu klein und brauchen noch die Muttermilch. An dieser Stelle muss noch viel Aufklärung stattfinden!

Eine sehr traurige Geschichte dreht sich um "Waffles". Ihre Besitzerin hat sie als Welpen gefunden und aufgezogen. Im Alter von 6 Monaten fiel Waffles plötzlich immer mal wieder um, war kurz bewusstlos, rappelte sich dann wieder auf und lief weiter. Dazu kam, dass sie in den letzten Wochen eine extreme Blutarmut entwickelt hat und nichts mehr fraß. Wir versuchten alles an Diagnostik und Behandlung, was uns zur Verfügung stand, jedoch ging es ihr immer schlechter. Bis zum letzten Tag haben wir gekämpft, aber Waffles zeigte keine Besserung. So begann der letzte Tag der Kastrationsaktion mit einer Euthanasie, die uns allen sehr zu Herzen ging und die bei allen Anwesenden die Tränen nur so kullern ließ. Andernfalls hätte sie sich zu Tode gehungert.

Auch das hatte ich in meinen vorangegangenen Tierärztepooltrainingseinheiten kennengelernt, aber ich glaube, dass ich mich daran nie gewöhnen werde. Den traurigen Momenten standen die schönen Momente entgegen: ein Foto, das sich mir von einer vorherigen Kastrationsaktion auf Sal eingeprägt hat, zeigte eine Hündin, deren Körper durch extreme Räude nur noch von Borken bedeckt war. Sie kam zu uns, um sich ihre Behandlung gegen Flöhe und Würmer geben zu lassen-die Fotos zeigen den Unterschied. Alleine für sie hat sich der ganze Aufwand schon gelohnt!

Und immer wenn sich mal eine freie Sekunde auftat, schnappten wir uns die kleinen, süßen Welpen, um sie zu knuddeln. Außenstehende hätten uns zeitweilig für verrückt halten können, wenn sie unsere Laute der Entzückung gehört hätten - und vielleicht sind wir das auch ein bißchen. Am liebsten hätten wir sie alle in unsere Koffer geschmuggelt und ihnen sofort ein neues Zuhause gesucht.

Dies war also die neunte Kastrationsaktion auf Sal und meine erste. Ich kann nicht viel vergleichen, hörte aber, dass die Organisation dieses Mal aufwendiger war. Warum kann ich nicht sagen, aber Veränderungen im Team, aufwendigere bürokratische Auflagen und die Suche nach einem neuen OP-Raum machten den Verantwortlichen im Vorfeld Kopfzerbrechen. Auch standen uns diesmal nicht die beiden Hundefänger zur Verfügung, die bei den vorherigen Aktionen die Straßenhunde eingefangen haben und auch kein Auto. Daher sind unsere freiwilligen Helfer selber herumgelaufen und haben eingesammelt, was sie kriegen konnten. Ohne Auto ist das jedoch sehr mühselig.

Sabrina, mir und dem ganzen Team merkte man die Anstrengungen der letzten Tage deutlich an. An unserem allerletzten Vormittag bummelten wir, jeder seinen Gedanken nachhängend, am Strand von Santa Maria entlang und wir freuten uns über die gesund aussehenden Hunde, die hier dösig herumlagen. Fast alle sind bereits kastriert.

Aber man findet aus oben beschriebenen Gründen immer wieder Welpen. Und es wird überall auf der Welt immer wieder Besitzer geben, die ihre Tiere nicht kastrieren lassen wollen. Somit sollte uns allen klar sein, dass Kastrationsaktionen immer wieder in regelmäßigen Abständen durchgeführt werden müssen. Nach dem jetzigen Stand sollten zwei Aktionen pro Jahr stattfinden. Gerade in Bezug auf die Nachfragen der anderen Inseln mag es mehr als tausend Gründe für eine Wiederkehr geben. Sobald die Gelder für weitere Einsätze zusammengekommen sind, stehe ich sofort wieder in Hamburg am Flughafen. Und dieses Mal garantiert nicht mehr nervös!

Danke an Sabrina, die eine erstklassige Assistentin ist, danke an Hanna, die trotz der Schwierigkeiten nicht aufgegeben hat, danke an Vicky, Filipa, Aricenia, JC, Anna, Gabri, Christina und all die anderen freiwilligen Helfer, danke an die Menschen vor Ort, die mir ihre Lieblinge anvertraut haben, danke an die Sponsoren dieser Aktion, danke an Herrn Hundt und die TUI, danke all denen die ich bei dieser Aufzählung vergessen habe, und einen riesigen Dank an Ines, durch die ich all das lernen durfte.
Danke an Monika, ohne die dies alles nicht möglich wäre!

In den 12 Tagen, die wir auf Sal gearbeitet haben, konnten 314 Tiere kastriert werden. 62 weitere, dringend notwendige Operationen wurden durchgeführt.
Ihre Dr. Marga Keyl

Helfen

Der Förderverein Arche Noah Kreta e.V. ist ein tiermedizinisch orientierter Tierschutzverein, dessen Schwerpunkt die Kastration von Straßentieren ist. Das Team besteht aus mehreren Tierärztinnen und Helferinnen, die international Kastrationsaktionen durchführen.
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In vielen unserer Projekte werden regelmässig Helfer benötigt. Manchmal brauchen wir tiermedizinisch vorgebildete Unterstützung. Manchmal einfach Menschen, die die Tiere vor und nach der OP betreuen, Boxen waschen und anpacken, wo Hilfe benötigt wird. Wenn Ihr der Meinung seid, dass wir Euch kennenlernen sollten, sendet uns eine Email an   jobs@tieraerztepool.de.
Oft aber kann jeder einfach helfen - so zum Beispiel bei den Kastrationsprojekten auf Rhodos oder in Epanomi. Hier werden Leute benötigt, die Katzen vom und zum Fangort fahren, Fallen und Boxen reinigen usw.

In den Helfergruppen auf Facebook könnt Ihr Euch vernetzen:

  Flying Cats e.V. - Kastrationsprojekt Rhodos - Helfer

  ACE - Tiere in Not (Epanomi)

TierInsel Umut Evi e.V.: Kontaktaufnahme über tierinsel-tuerkei-vorstand@t-online.de