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Kapverden

Sal 2021

Ein Bericht von Julia Gruhn, Tierärztin

„Böse Hunde!“. „Böse Hunde?“ wiederhole ich fragend die Worte meiner kleinen Nichte.
„Wer böse ist, muss ins Gefängnis“. Ohne dieser dogmatischen Annahme der Vierjährigen auf den Grund zu gehen, korrigiere ich sie schlicht. „Die Hunde sind nicht im Gefängnis – Sie sind im Tierheim“. Nach einer kurzen Pause fragt sie: „Sind ihre Mamas und Papas gestorben?“ Ich versuche ihren Gedankengang nachzuvollziehen. „Nein, das ist nicht der Grund!“ „Warum sind sie dann dort?“ Ich schaue sie an, wie sie Füße baumelnd in meinem Schoß sitzt, den letzten Report in ihren Händen hält und mir ganz unbedarft diese Fragen stellt.
Ich friere ein, während mir meine Antwortoptionen in den Kopf schießen: Weil sie kein zu Hause haben. Weil sie niemand haben will. Weil sie übrig sind. Weil sie auf der Straße eine Gefahr für den Menschen sein können. Weil sich manche Leute von ihnen bedroht fühlen. Weil sie versteckt werden sollen. Weil der Mensch sie unter Kontrolle haben will. Ich möchte eine plausible, für ihre Kinderohren geeignete Erklärung liefern, die sie verstehen lässt. Ich beginne stotternd diese Gedanken in schonende Worte zu verwandeln. Sie schaut mich an, zieht eine Falte auf ihrer kleinen Stirn und wiederholte „warum?“. Sie versteht es nicht.

Unsere Mission - In drei Wochen die Kastrationen aufholen, die wir durch unsere Corona bedingte Abwesenheit der letzten anderthalb Jahre auf Sal, Kap Verde nicht durchführen konnten. Wir takteten den Zeitplan also besonders eng und stellten uns auf intensive Tage ein.
Unseren Kastrations- und Lagerraum in Santa Maria, den wir das letzte Mal Ende 2019 verließen, war nicht wieder zu erkennen. Wild durchwühlte Boxen, geöffnete Koffer, herumfliegende Medikamente, dazwischen überall Rattenkot und ein bestialischer Gestank. Obwohl wir bereits von Helfern von dem Einbruch erfahren haben, wurde uns erst beim Aufräumen das gesamte Ausmaß des Diebstahls bewusst. Die Tatsache, der Dinge bestohlen worden zu sein, mit denen man Gutes vorhatte, tut weh. Mit einiger Mühe gelang es uns das Chaos zu beseitigen und die Bestandslücken mit importierten Materialien aus Deutschland zu füllen, sodass wir gleich am nächsten Tag mit unserer Mission starten konnten.

Auf Sal gibt es nur eine größere Schnellstraße. Sie verbindet den Süden mit dem Norden der Insel und führte uns täglich mit unserem prall bepackten Pickup zu den verschiedenen Einsatzorten. Es stehen Operationstage in allen größeren Orten der Insel an. Pedra de Lume, Palmeira, Terra Boa im Norden, Murdeira und Santa Maria im Süden.
Durch die offenen Fenster pustete uns der heiße Fahrtwind der ausgedorrten, staubig-trockenen Wüstenluft entgegen. Obwohl das blaue Meer, welches sich in allen Richtungen am Horizont abzeichnet Fruchtbarkeit suggeriert, ist diese Umgebung schwer mit Leben vereinbar. Lediglich vereinzelte Kakteen trotzen durch ausgeklügelte Überlebensstrategien der Dürre. Die restliche Flora bildet durstiges, ausgetrocknetes oder bereits totes Gestrüpp, denn wirklich angepasst an die Wüste sind nur Steine.

Die ersten Kastrationstage fanden im staatlichen Tierheim statt. Ich war zwar schon öfters auf Sal, dies war bis dahin jedoch ein mir noch unbekannter Ort. Auch für Marga war es ein schwarzer Fleck. Vor Jahren hat sie sich geschworen nie wieder an diesen Ort zurückzukommen, zu schlimm war es, was sie dort erlebte. Horrorgeschichten erzählte sie: Winzige Zwinger, zu viele Tiere auf kleinstem Raum, vor Abmagerung sterbende Hunde, Krankheiten, Exkremente, eine Milliarde Fliegen und dazu: eine Seuche von blutsaugenden Zecken, die unbesiegbar in den Gemäuern lauern, zur Blutmahlzeit über die schutzlos ausgelieferten Hunde herfallen und dabei das letzte bisschen Leben was noch in ihnen steckt aussaugen. Wir sind doch wiedergekommen.

Langsam lief ich die einzelnen Zellen ab. Gnadenloser Betonboden von unten. Erbarmungslose Sonne von oben. Hinter jeder Trennmauer erwarteten mich neue erwartungsvolle Augen. Einige Hunde waren verfettet, andere saßen abgemagert vor ihren übervollen Futterschüsseln, die mit Reis und Zwiebeln gefüllt waren (Zwiebeln sind eigentlich giftig für Hunde). Manche von ihnen bellten mich nervös an. Andere zeigten keinerlei Reaktion und blieben einfach liegen. Angepasst, wie die Steine auf dem Wüstenboden vor der Tür.

Ich kämpfte mit den Tränen, während Marga sehr gefasst blieb und dem neuen Verantwortlichen Lob aussprach, wie sehr sich die Situation unter seiner Leitung verbessert habe. Wie es hier vorher ausgesehen haben muss, übersteigt meine Vorstellungskraft – das ist wirklich ein Gefängnis.
Schnell bauten wir die Operationstische auf, installierten den Stromgenerator, zogen die Spritzen auf, klebten Fliegengitter an die Fenster und positionierten die Stirnlampe auf unseren Köpfen. Arbeit ist die bewährteste Geheimwaffe im Kampf mit den Emotionen.

Angespannt bereitete ich meinen ersten Rüden zur Kastration vor. Ging im Kopf noch einmal alle Schritte durch, tauchte in meine Konzentrationsblase ab und fing an. Meine Finger fühlten sich noch steif und zittrig an, als wäre die Verbindung zwischen Kopf und Hand gestört, doch mit jedem Knoten und Nadelstich kam die Fingerfertigkeit zurück. Es folgte der nächste Patient und der nächste und der nächste.. Mit jedem „NL“, unser kleines Tattoo, mit dem wir am Ende jeder Kastration unsere Tiere markieren, fiel die anfängliche Anspannung weiter von mir ab.

So nahm die Kampagne ihren Lauf. Die Resonanz der Menschen war immens. „Endlich seid ihr wieder da!“ mit größter Dankbarkeit wurden wir empfangen. Oft bildete sich schon vor unserem Eintreffen eine Menschentraube vor unserem „OP“. Menschen die ihre eigenen oder eingefangene Streuner zur Kastration brachten. Diese Traube nahm bis zum Anbruch der Dunkelheit meist nicht ab. Wir arbeiteten unter Hochdruck, um alle Patienten abzuarbeiten und die Wartezeiten möglichst gering zu halten. Geduldig warteten sie dennoch oft bis zu mehreren Stunden. Darüber beschwerte sich jedoch niemand. Dabei wurde ein stimmungsvoller Kaffeeklatsch abgehalten. Die Menschen auf den Kap Verden haben sich immer etwas zu erzählen. Erst recht, wenn solch eine „Attraktion“ im Dorf stattfindet und man mit etwas Glück einen Blick auf das OP-Feld erhaschen kann. Berührungsängste mit Blut oder offenen Operationswunden habe ich hier tatsächlich noch nie erlebt. Gern wollten alle so nah wie möglich am Geschehen sein und beobachten.

„Weiße Hose, weißer Kittel mit Namensschild, das Stethoskop um den Hals gelegt, an der Hosentasche die Chipkarte zum Einchecken der Arbeitszeiten. Der sterile, klimatisierte OP-Saal ist weiß mit glänzenden Bodenfließen. Stille, denn während der Operationen muss absolute Ruhe herrschen. Im Hintergrund lediglich das Piepen der Narkoseüberwachung. Der Patient liegt auf dem elektrisch höhenverstellbaren OP-Tisch, gebettet auf eine Wärmedecke, gepolstert und positioniert mit speziellen Lagerungskissen. Von der Decke ragt ein dreigelenkiger Arm, der die OP-Leuchte, von einem Meter Durchmesser trägt und das Operationsfeld optimal ausleuchtet.“
Auf meinen OP-Tisch wurde der nächste Hund gelegt und ich wurde aus meinen Gedanken gerissen. Gerade hatte ich mir vorgestellt, wie die Szenerie aussehen könnte in der sich meine ehemaligen Kommilitoninnen, die als frische Assistenzärztinnen in den deutschen Klinikalltag eingestiegen sind, zeitgleich befinden.
Bewusst nahm ich mein Umfeld wahr. „Es ist laut. Aus allen Richtungen dringen verschiedenste Geräusche in meine Ohren: Diskutierende Menschen, schreiende Kinder, bellende Hunde, laute Musik und das Rattern des Stromgenerators. In der Luft steht die Hitze. Es riecht nach einer Mischung aus chemischen Anti-Parasiten-Sprays und Erbrochenem. Steine fallen aus den Wänden. Ich schaue an mir herunter: Funktionskleidung, Blutflecken auf meinen dreckigen Schuhen, der Tisch durch untergeschobene Steine höhenverstellt und etwas wackelig. Die OP-Lampe, von drei Zentimeter Durchmesser trage ich um den Kopf geschnallt. Von der Decke ragen lediglich klebende Fliegenfallen und ein paar Spinnenweben. ..Das habe ich mir bewusst ausgesucht. Ich liebe diese Arbeit.

Wir arbeiteten jeden Tag von früh bis spät alle geplanten Stationen ab. Die Zeit verging wie im Flug, sodass die Tage, die uns noch blieben, bald gezählt waren.
Noch zum Ende der Kampagne trafen wir Rudel von nicht kastrierten Hunden auf den Straßen von Santa Maria. Frei lebende, unkastrierte Hunde, kannte man aus Zeiten vor Corona aus diesem touristischen Ort nicht mehr. Bis wir im Winter wiederkommen, werden die Rudel um eine Generation gewachsen sein. Getrieben von diesem Wissen packte nicht nur uns der Ehrgeiz. Es sprach sich auf den Straßen herum, dass uns nur noch wenige Tage bleiben und unsere Helfer brachten so viele Tiere wie nur möglich. Es wurden sogar Nachzügler aus dem Norden bis nach Santa Maria gebracht, um noch eine der letzten Behandlungen abzubekommen.
So wurden unsere Tage immer länger. Unsere Fadenspulen wurden zusehends kürzer. Das Ende des Fadens würde das Ende der Kampagne bedeuten, denn ohne Faden können wir nicht operieren. Auf der afrikanischen Insel ist es nicht möglich medizinisches Material ohne weiteres nachzukaufen. Selbst die einfachsten Medizinprodukte, wie Kochsalzlösung sind in den Apotheken oft nicht vorrätig. Im absoluten Sparmodus musste jeder noch so kleine Fadenrest verwendet werden. Und was Marga und mich anbelangt: Wenn man nicht so viel trinkt, muss man nicht so oft auf die Toilette; mit Nüssen lassen sich hungrige Löcher im Bauch erstaunlich lange stopfen; gegen angeschwollene Beine durch das ewige Stehen trägt man Kompressionstrümpfe.

Den Höhepunkt erreichten wir an den letzten beiden Tagen. Selbst bei Anbruch der Dunkelheit war kein Ende abzusehen. Es ist unvorstellbar, Tiere, die den Weg einmal zu uns geschafft haben, abzuweisen. Also operierten wir eisern weiter bis spät in die Nacht. Die letzten Leute haben ihr Tiere in Boxen hinterlassen, unsere Assistenten haben sich allmählich davongeschlichen und auch das übliche Treiben auf der Straße hatte sich nach drinnen verlagert. Lediglich der Nachbar trat von Zeit zu Zeit in das Licht unserer Stirnlampen, um sich zu erkundigen, wann er den Strom abstellen kann, mit dem er uns netterweise über ein Kabel durch sein Fenster versorgte. Unser letzter Helfer ist im Schneidersitz auf dem Boden eingeschlafen. Das erste Mal war es auch in unserem OP still.

Am Ende haben wir es geschafft, alle Tiere zu kastrieren und fast zeitgleich mit dem letzten Patienten dieser Nacht, ließ auch unsere Fadenspule nach. Die Kampagne war zu Ende.

Unsere Mission zu erfüllen, haben wir nicht ganz geschafft, denn selbst am Tag der Abreise begegneten uns unkastrierte Hunde auf den Straßen. Mit aller Kraft, alles zu geben und doch nicht alles zu schaffen, stimmt mich immer wieder traurig. Völlig erschöpft und mit einer komischen Leere blätterte ich auf dem Rückflug das erste Mal durch meine Zeitschrift, die ich mitgebracht hatte und stieß auf ein verblüffend passendes afrikanisches Sprichwort „Viele kleine Leute, die an vielen kleinen Orten, viele kleine Dinge tun, können das Gesicht der Welt verändern“
-„Danke für diese Erinnerung!“ Es sind die einzelnen geschriebenen Kapitel im Buch vom Kampf gegen das Elend, auf die wir stolz sein können und stolz sein müssen. Ein Lächeln trat in mein Gesicht.

Um nun noch den Bogen zu schließen, wie ich das so gern bei meinen Erzählungen mache, möchte ich von einer Begegnung berichten, die mir besonders im Gedächtnis geblieben ist.

Es war an einem dieser vollen Kastrationstage im Armenviertel, Terra Boa „Schöne Erde“. In der Schlange der vor unserer Tür wartenden Leute fiel mir ein kleines Mädchen auf. Fest umschlungen wie ihr liebstes Kuscheltier, hielt sie ihren kleinen vierbeinigen Freund vor ihrer Brust. Ihre Eltern hatten ihr aufgetragen ihn zu uns zu bringen. Als sie an der Reihe war und ich ihren Hund entgegennehmen wollte, zögert sie. Wie sie ihre kleine Stirn in Falten legte, erinnerte sie mich an meine Nichte. Sie hatte die gleiche Frage „Warum?“

Weil wir so den Hunden ein besseres Leben ermöglichen. Weil wir verhindern möchten, dass sie sich unkontrolliert vermehren. Weil wir nicht wollen, dass Hunde eingesperrt werden müssen. Weil wir nicht wollen, dass sie auf der Straße eine Gefahr für den Menschen sind. Weil wir ein friedliches Leben mit den Hunden an unserer Seite ermöglichen wollen. Weil wir die Erde ein kleines bisschen schöner machen wollen.

Wir kommunizierten ohne Worte. Sie verstand und überreichte mir vertrauensvoll ihren kleinen Freund.

Helfen

Der Förderverein Arche Noah Kreta e.V. ist ein tiermedizinisch orientierter Tierschutzverein, dessen Schwerpunkt die Kastration von Straßentieren ist. Das Team besteht aus mehreren Tierärztinnen und Helferinnen, die international Kastrationsaktionen durchführen.
Jeder bekommt eine Chance auf ein besseres Leben! All das wird nur möglich durch Ihre Spende!

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In vielen unserer Projekte werden regelmässig Helfer benötigt. Manchmal brauchen wir tiermedizinisch vorgebildete Unterstützung. Manchmal einfach Menschen, die die Tiere vor und nach der OP betreuen, Boxen waschen und anpacken, wo Hilfe benötigt wird. Wenn Ihr der Meinung seid, dass wir Euch kennenlernen sollten, sendet uns eine Email an   jobs@tieraerztepool.de.
Oft aber kann jeder einfach helfen - so zum Beispiel bei den Kastrationsprojekten auf Rhodos oder in Epanomi. Hier werden Leute benötigt, die Katzen vom und zum Fangort fahren, Fallen und Boxen reinigen usw.

In den Helfergruppen auf Facebook könnt Ihr Euch vernetzen:

  Flying Cats e.V. - Kastrationsprojekt Rhodos - Helfer

  ACE - Tiere in Not (Epanomi)

TierInsel Umut Evi e.V.: Kontaktaufnahme über tierinsel-tuerkei-vorstand@t-online.de